Schon ein komisches Gefühl, in eine fremde Wohnung zu kommen, mit zwei gut gefüllten Kisten Wein und nicht zu wissen auf welchen Freundeskreis man jetzt gleich treffen wird. Auf der anderen Seite sieht das Gefühlsleben aber auch nicht besser aus. Welche fremden Menschen werden sich gleich in meine Wohnung setzen und uns etwas über Wein erzählen? Doch wie schon so oft, waren alle Befürchtungen völlig umsonst. Mal wieder war es eine lustige Runde von jungen Leuten, welche von der Gastgeberin Jana zusammengetrommelt wurden. Von einer Beamtin, bis hin zum Architekturstudent oder zur Sozial-Inklusion Studentin. Eine gute Truppe, mit uns insgesamt 10 Leute, die am Ende des Abends alle nochmal ihre Berufswahl in Frage stellten und sich überlegten, ob nicht noch ein Fernstudium in Önologie angestrebt werden sollte.

In der großen Küche (in Bochum Ehrenfeld, was im Laufe des abends zum besten Viertel der Stadt gekürt wurde :D) standen auf einem Tisch schon verschiedene Sorten Käse, kleine Blätterteig Kräcker und diverse andere Snacks. Die nur darauf warteten, den Mund zu neutralisieren, damit der Gaumen für den nächsten Wein bereit ist.

Vorstellen, Gläser verteilen, hinsetzen und einschenken.

wt_28.08.14_1Dann hieß es auf die Gläser fertig los. Den Anfang machte der Perlwein: Graf´s Spitzbub. Fruchtig, keck und neckisch, also genau der richtige Wein, um auf einen schönen Abend anzustoßen. Schwenken, riechen, trinken und dann Stille. Kurzes peinliches Schweigen, welches unsererseits direkt damit kommentiert wurde, „Ja das läuft jetzt den ganzen Abend so, trinken und schweigen“. Kurzes auflachen und schmunzeln und ein aufatme. Es handelt sich nicht um eine klassische Weinverkostung, bei der nur gefachsimpelt wird. Nach dieser Feststellung folgte auch schon direkt die erste Frage „Warum schwenkt ihr eure Weine, sieht das einfach nur schön aus oder bringt das auch was?“ Eine sehr gute Frage, die sich wohl jeder Weinanfänger stellt, der zum ersten mal Wein wirklich verkostet. Der Wein erhält durch das schwenken Sauerstoff, dieses entfaltet die Aromen und intensiviert den Geruch und somit den Geschmack des Weins. Sofort wurde dieser Tipp in die Tat umgesetzt und fleißig geschnuppert.

Es vielen Kommentare wie, „Ah, jetzt rieche ich glaub ich Holunder.“, „Ja stimmt, aber es ist nicht so penetrant und künstlich, wie bei dem Supermarkt Hugo.“, „Also dafür, dass das ja eigentlich eher ein Frauengetränk ist, riecht und schmeckt er mir erstaunlich gut.“.

Super der erste Wein ist schon mal toll angekommen. Die ersten Smartphones werden gezückt und das Weinetikett abfotografiert, „Damit wir den Wein auch nachkaufen können.“

Resumée ein toller Start mit einem perfekten Einstiegswein.

Als nächstes folgte der deutsche Klassiker, ein Riesling. Zunächst ein feinherber mit dem klangvollen Namen Sonnentropfen aus Wachenheim. Natürlich wurde der Wein sofort wieder geschwenkt, doch diesmal folgte keine so schnelle Reaktion. Für die ungeübte Nase ist der Geruch von Pfirsichen und Mirabellen nicht so leicht wahrzunehmen, bzw. man traut sich ja auch nicht unbedingt etwas zu sagen. Am Ende ist es noch falsch. Doch falsch gibt es bei dem Geruch und dem Geschmack von Weinen nicht. Das ist auch eine Botschaft, die wir unseren Weintrinkern beim Wine Thursday vermitteln wollen. Jeder darf sagen was er denkt, denn jeder assoziiert mit dem Geruch erstens etwas anderes und zweitens kommt es auch noch immer darauf an, wo und mit welcher Stimmung man einen Wein trinkt. Diese Botschaft löste eine hitzige Diskussion darüber aus, das der Wein im Urlaub immer ganz anders schmeckt als zu Hause. Erfahrungen wurden ausgetauscht und Geschichten erzählt, wann und wo man schon mal Wein getrunken hat und nebenbei wurde der Riesling genossen.

Damit war aber noch nicht Schluss mit dem deutschen Klassiker. Es folgten ein weiterer Riesling, diesmal aber aus Württemberg, der Biowein von dem Weingut Schäfer-Heinrich.

Wine Thursday 28.08.2014„Der schmeckt ja ganz anders, ein wenig erdiger.“ „Stimmt obwohl es ja die selbe Rebsorte ist.“ „Wie kommt das denn?

Eine kleine Frage mit einer endlosen Antwort. Es gibt so viele Punkte, die den Geschmack eines Weins beeinflussen, dass es eine Wissenschaft für sich ist. Wie viele Sonnenstunden hat die Frucht erhalten? Auf welchem Boden standen die Pflanzen? Wie wurde der Wein gelagert? Verschiedene Themen wurden aufgegriffen und Grundwissen weiter gegeben, der Abend sollte ja nicht zu einer Weinvorlesung werden, sondern trotzdem noch gesellig bleiben. Dennoch es wurden immer mehr Fragen gestellt und wissbegierig weiter geforscht.

Zum Abschluss des deutschen Klassikers wurde ein weiterer Karl Schäfer Wein gereicht, diesmal mit Trauben vom Dürkheimer Spielberg. Die Geschmacksnerven wurden immer sensibler, sofort wurde eine gewisse Zitrusnote heraus geschmeckt. Fragen zu den einzelne Preisklassen wurden gestellt, und ob guter Wein immer teuer sein muss bzw. woran man als Leihe erkennt, ob ein Wein gut oder schlecht ist. Es wurde deutlich, dass ein sehr guter Wein nicht 20 Euro kosten muss. Die meisten unserer Weinneulinge erzählten, dass sie doch eher ziemlich hilflos vor dem Weinregal im Supermarkt stehen und nie genau wüssten welcher Wein gut ist.

Die Riesling-Reise war damit beendet und es wurde sich dem nächsten Weißwein gewidmet, einem Spätburgunder von dem Weingut Kurz-Wagner. Oh Schreck, da viel uns auf wir hatten den Korkenzieher völlig vergessen, aber unsere Gastgeberin war bestens ausgestattet und konnte uns schnell aushelfen. Damit stand aber auch sogleich die nächste Frage im Raum. Ist ein verkorkter Wein gleich ein besserer Wein? Wir ihr vielleicht noch wisst, haben wir darüber letztens erst einen Artikel verfasst, diesen verlinken wir mal hier. Sofort wurde der Mythos von dem „bösen“ Schraubverschluss aufgeklärt und die Gewissensbisse, dass man seinen Eltern einen Wein mit Schraubverschluss geschenkt hatte waren wie weggeblasen. Als der Wein dann erfolgreich geöffnet wurde, war die Begeisterung groß direkt wurden wieder einige Fotos geschossen, damit er nicht in Vergessenheit gerät.

Nach Riesling und Spätburgunder fehlte noch ein Rivaner in der Weine am Wine Thursday 28.08.2014Weißweinrunde. Dieser folgt aber sogleich mit dem Rivaner, von der Winzerfamilie Koch. Als die Traube vorgelesen wurde Müller-Thurgau ging wieder ein Raunen um. Was bitte soll dass denn jetzt schon wieder sein? Es wurde auf verschiedene Rebsorten eingegangen und erklärt, dass die Müller-Thurgau ihren Namen ihrem Züchter, dem Schweizer Rebforscher Hermann Müller und dem dem Kanton Thurgau, in dem er lebte, verdankt. Die Kombination der beiden Namen ergab am Ende Müller-Thurgau, eine Kreuzung aus Rivaner und Silvaner.

Es wurde erzählt und erklärt, gefragt und natürlich getrunken.

Abgeschlossen wurde die Weißweinrunde mit dem Weißwein von dem Weingut Otmar Graf, einem Cuvée. Wieder schaute man in fragende Gesichter und als man aufklärte das Cuvée einfach bedeutet, dass es sich um den Verschnitt handelt mussten alle lachen.

Der Weintrinker ist einfach der König des Euphemismus.

Es wurde klar gestellt, dass Verschnitt sich im deutschen sehr unschön anhört, aber dass dies nichts über die Qualität eines Weines aussagt, wenn es sich um einen Cuvée handle.

Wieder mit einem neuen Fachbegriff mehr im Gepäck wurde sich dann an die Rosé–Weine herangetraut. Der erste war der Rosé St. Laurent von Karl Schäfer. Natürlich wurde erst einmal probiert, aber dann viel auch sofort ein Kommentar zu der hübsch designeten Flasche. Eine Diskussion entfachte darüber, wie wichtig das Etikett für die Kaufentscheidung ist, und dass man eben doch nicht nur nach dem Geschmack geht, sondern auch nach dem optischen. Das Ergebnis dieser kleinen Diskussion war sogar, dass Weine aus hübschen Flaschen oft auch gleich besser schmecken.

Das Auge isst eben nicht nur mit, sondern trinkt auch mit.

Es folgte nochmal ein Wein von Schäfer Heinrich der Finesse Rosé, geschmacklich überzeugte dieser, doch langsam wurden die Geschmackszellen etwas müde und mussten sich längere Erholungspausen gönnen. Für Geschmacksneutralisierer hatte die Gruppe aber gut gesorgt, besonders ein Ziegen-Hartkäse kam bei allen super an und wurde gelobt. Dann kam die Frage auf, wie überhaupt Roséwein hergestellt wird. Im Angebot standen ein paar witzige Vorschläge, à la man mischt einfach Weißwein und Rotwein und tadaa man hat Rosé. Tatsächlich erhält der Rosé seine Farbe von den roten Trauben, welche aber wie Weißweintrauben gekeltert werden.

Der Abend schritt weiter vorran und nun wurde sich den schwereren und kräftigen Rotweinen gewidmet. Der letzte Schäfer Heinrich Wein für diesen Abend wurde geöffnet, ein Clevner. Viele waren überrascht wie gut er schmeckt, da sie sonst nicht so die Rotwein Liebhaber sind. Das Resultat war, dass man dem Rotwein doch noch einmal eine Chance geben sollte.

Wine Thursday am 28.08.2014Den krönenden Abschluss bildete ein wahrer Adliger, der Baron von Weingut Kurz-Wagner. Es wurde geschwenkt, getrunken und gelacht. Die Gruppe hatte wirklich zueinander gefunden und wir wurden sehr herzlich aufgenommen und kamen uns am Ende gar nicht mehr vor wie Fremde, sondern so, als ob wir mit guten Freunden zusammen sitzen. Ein wirkliches Weinerlebnis, denn daran erkennt man wieder das Wein trinken Menschen zusammen bringt.

 

Verabschiedet wurden wir mit den Worten, ihr könnt ruhig wieder kommen es hat wirklich Spaß gemacht und war ein tolles Erlebnis. Ab jetzt werden wir mehr Wein kaufen und natürlich trinken. Und was will man mehr, wenn die Weingeneration von morgen nicht durch eine Weinverkostung verschreckt wurde. Die Weinkultur wurde auf eine witzige und moderne Art näher gebracht.